Bauen und Wohnen Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V.

 

Schafwolle

Schafwolle wird im Gegensatz zu anderen Rohmaterialien für Dämmstoffe nicht um seiner selbst willen angebaut – sie ist ein jährlich nachwachsendes Nebenprodukt der Tierhaltung und Weidewirtschaft, die unter anderem eine wichtige landschaftspflegende Funktion erfüllt. Die in Deutschland angebotenen Dämmstoffe stammen in der Regel aus heimischer Schurwolle.

Auch wenn der Preis der Schafwoll-Dämmstoffe im Vergleich zum niedrigen Rohwolle-Weltmarktpreis relativ hoch erscheint, entsteht nur durch eine aufwendige Aufbereitung und Verarbeitung qualitativ hochwertiger Wolle ein dauerhafter Qualitäts-Dämmstoff.

Nachwachsender Rohstoff Schafwolle
Nachwachsender Rohstoff Schafwolle

Rohstoff

Schafschurwolle, unbehandelt und gewaschen. Die bei der Schafschur anfallende Rohwolle mit 30 – 50 % Verunreinigungen (Wollschweiß, Hautschuppen, Erd- und Pflanzenresten sowie Wollfett) wird gewaschen. Sie besteht zu ca. 97 % aus Eiweiß-Proteinen (Keratinfaser). Nach Beigabe unterschiedlicher Zusatzstoffe kann die gewaschene Rohwolle als Stopfwolle bzw. für Dichtungszöpfe verwendet werden. Zur Herstellung von Dämmplatten wird die Rohwolle noch nadelverfilzt.

Herstellung und Zusammensetzung

Die Wolle wird zunächst gewaschen und entfettet, wobei auch der pH-Wert der Schafwolle eingestellt wird. Nach der Befreiung von Stäuben und organischen Fremdstoffen werden gegebenenfalls synthetische oder naturbasierte Fremdfasern beigefügt, das Gemisch homogenisiert und bis zur Einzelfaser aufgelöst. In einer sogenannten Krempel wird daraus ein dünnes Primärvlies hergestellt, das bis zum Erreichen des notwendigen Gewichtes je Quadratmeter in verschiedenen Verfahren angehäuft wird. Das aufwendigste Verfahren, mit dem sich die niedrigsten Wärmeleitfähigkeiten realisieren lassen, ist das horizontale Kreuzlegen. Zum Erzeugen der Rohdichte wird das daraus entstehende dicke, aber noch nicht verdichtete Vlies auf eine definierte Dicke gebracht. Das geschieht entweder rein mechanisch durch Vernadeln oder durch die thermische Verfestigung mit Kunstfasern in einem Ofen. Mit einer Schneidemaschine wird der Dämmstoff auf Länge und Breite zugeschnitten. Schnittreste werden recycelt.

Der einzige Nachteil der Schafwolle besteht in der Gefahr des Mottenbefalls (Kleidermotte - Tineola biselliella), wodurch eine Ausrüstung des Rohstoffes mit Antimottenmitteln unabdingbar wird. In der Vergangenheit wurden hier leider einige Fehler begangen, die zu unerfreulichen „Bauschäden“ und vor allem nachhaltig zu Verunsicherung von Planern und Verarbeitern bezüglich des grundsätzlichen Einsatzes von Wolle am Bau geführt haben.

Nur wenige Möglichkeiten bieten sich daher grundsätzlich für einen funktionierenden Mottenschutz an, wobei die Schwierigkeit besteht, diesen mit einer gesundheitlichen und ökologischen Unbedenklichkeit zu verbinden und die hervorragenden natürlichen Eigenschaften der Wolle nicht zu beeinträchtigen.

Zum einen kann der Mottenschutz durch Natriumborat geschehen, das zugleich den Vorteil besitzt, flammhemmend zu wirken. Da Borate jedoch nach einigen Jahren die Haftung an der Schafwolldämmung verlieren und somit wirkungslos werden, versucht man heutzutage z. B. mit Latex die langfristige Fixierung an der Wolle zu gewährleisten. Die Feuchtigkeits- und Schadstoffaufnahme der Wollfasern dürfte so allerdings beeinträchtigt werden und Borate sind auf Grund ihrer reproduktionstoxischen Eigenschaften umstritten. Als Alternative waren in der Vergangenheit die Mottenschutzmittel Mittin FF (Sulcufuron) und Thorlan IW im Einsatz, jedoch besitzen sie derzeit keine europäische Zulassung als "Mottenschutz".  Auch Permethrin und andere Pyrethroide werden in Deutschland noch als Mottenschutz verwendet, obwohl der Einsatz dieses, auch vom Institut für Risikoforschung als Nervengift eingestuften Stoffes vor allem in einem „ökologischen Baustoff“ sehr umstritten ist. Das internationale Umweltzeichen „natureplus“ und auch die EGGBI (Europäische Gesellschaft für gesundes Bauen und Innenraumhygiene) beispielsweise lehnen den Einsatz solcher Biozide grundsätzlich ab, während der "Blaue Engel" Permethrin in bestimmten Konzentrationen duldet.  Seit 2016 ist eine vielversprechende „chemiefreie“ Möglichkeit des Mottenschutzes für Schafwolle verfügbar. Als Wollschutz entwickelte ein Hersteller eine bisher einzigartige Ausrüstung namens Ionic Protect®, bei der die Wolle biozidfrei auf plasmaionischer Basis fraßhemmend modifiziert wird und somit permanent vor Mottenbefall geschützt sein soll.

Der Rohstoff, also die Wollfaser, unterliegt unter normalen „Baubedingungen“ keiner natürlichen Alterung. Das bedeutet, solange die Wolle weder intensiver UV- Strahlung noch andauernder Feuchtigkeit ausgesetzt ist, kommt es zu keiner chemischen Zersetzung oder Veränderung. Demnach kann von einer langen Haltbarkeit und Recyclingfähigkeit ausgegangen werden.

Anwendungsgebiete und Verarbeitung

Auf Grund der vielfältigen positiven Eigenschaften sind Dämmvliese im Bereich Dachdämmung, Wand, Decke und Außenfassade einsetzbar. Hervorragend bewährt hat sich das Produkt aber auch im Bereich der technischen Dämmung, sowohl bei Kühlanlagen (gute Wärmedämmwerte) als auch im Bereich Schalldämmung vor allem bei Klima- und Lüftungsanlagen. Daneben wird Schafwolle auch in Form von Nadelfilzen als Trittschalldämmung sowie als „Stopfwolle“ angeboten.

Für die Perimeterdämmung ist Schafwolle jedoch ebenso wie viele andere Naturdämmstoffe ungeeignet.

Hersteller

Hersteller und Produkte finden Sie in der aktuellen Marktübersicht Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen und in unserer Datenbank.

Bauphysikalische Eigenschaften

Schafwolle bietet bei ausreichender Dichte einen guten sommerlichen Wärmeschutz, wirkt in hohem Maße feuchtigkeitsregulierend und schadstoffabbauend.

Die biolösliche Faser hat eine Entzündungstemperatur von 580–600 °C und der hohe Stickstoffgehalt wirkt flammhemmend, wodurch die meisten Materialien die EURO-Klasse E erreichen. Ab 180 °C tritt allerdings eine Versprödung der Wolle ein. Bei Materialien mit Beimischung von Kunststofffasern sind Flammhemmer notwendig.

Selbst bei permanenter physikalischer Belastung (z.B. bei technischen Isolierungen) gibt es bei Wolle nahezu keinen Faserbruch – die Knickfestigkeit liegt bei über 20000 im Gegensatz zur künstlichen Mineralfaser, die bereits bei einmal Knicken (180°) bricht – diese Elastizität verleiht dem Produkt Formstabilität und Langlebigkeit. Dank des Faseraufbaues wird diese Elastizität und Formstabilität bei Feuchtigkeitsaufnahme kaum beeinträchtigt – ebenso wenig wie die Dämmeigenschaft  (bis zu einem Gewichtsanteil von 16 % Wasser). Bei der Aufnahme von Feuchtigkeit vergrößert eine Schafwolldämmung ihr Volumen und dämmt erwiesenermaßen zumindest gleich gut wie im trockenen Zustand. Der Grund: die außen wasserabstoßende und damit immer trockene Wollfaser puffert Feuchtigkeit in ihrem Faserinneren.

Eine weitere Besonderheit besteht darin, dass Schafwolle hochgradig bio-reaktiv ist und die Eigenschaft hat, zahlreiche Schadstoffe, wie z. B. Formaldehyd, zu binden. Die Bindung erfolgt je nach Schadstoff unterschiedlich.

Technische Daten

  • Wärmeleitfähigkeit λ [W/mK): 0,037 - 0,042
  • Diffusionswiderstandszahl μ: 1 - 2
  • spezifische Wärmekapazität c [J/kgK]: 1.300 - 1.730
  • Rohdichte ρ [kg/m³]: 20 - 90
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