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Vor dem Baubeginn

Backstein-Methusalem fiebert seiner neuen Bestimmung entgegen

Einstiger Pferdestall am Gülzower Guthaus wird zum modernen Bürohaus/ Ein- und Ausblicke vor dem Baustart

Die Denkmalschutzplakette am Südgiebel unterstreicht die Besonderheit des Bauwerks. Von weitem mutet der großzügig dimensionierte Fachwerkbau mit zweigeschossigem Dachboden unter dem Krüppelwalm nicht unbedingt wie ein Stall an. Doch tatsächlich wurde der 35 Meter in der Länge und 14 Meter in der Breite messende Baukörper auf dem Gelände des Gutsensembles Gülzow vor etwa 250 Jahren als Pferdestall errichtet. Jetzt steht dem Bauwerk, das in neuerer Zeit u. a. als Deckstation für das Landesgestüt Redefin fungierte, Fahrzeuge beherbergte und zuletzt leer stand, eine umfängliche Verwandlung bevor: Der Pferdestall wird zu einem modernen Bürohaus umgebaut, in dem 22 Mitarbeiter der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V. etwa ab Ende 2025 ihre Arbeit verrichten werden.

„Hier wird der Haupteingang liegen.“ Daniel Martens, Mitarbeiter der Baufachinformation der FNR und ausgebildeter Architekt, tippt auf den Grundriss. Dann weist er auf das Gebäude, zeigt auf eines der sieben verwitterten Holztore, dessen verblasster petrolblauer Anstrich blättert, und dessen geschwungene Beschläge unerschüttert vom Rost noch immer die Kunstfertigkeit des Schmiedehandwerks zur Schau stellen. In wenigen Tagen werden Bauleute diese Tore aus den Angeln heben.

Martens zückt einen Schlüssel. Das Innere des Bauwerks ist freigeräumt, hell und trocken. Die Innenwandverkleidungen wurden teilweise entfernt, Sonnenstrahlen dringen durch Ritzen im Mauerwerk, aus denen der Putz herausgebröckelt ist. Die Holzstiege hinauf zum zweigeschossigen Dachboden, der einmal als Kornspeicher diente, und einige zu unterschiedlichen Zeiten eingezogene Zwischenwände sind abgetragen worden. Bauschutt wurde abgefahren, Rückstände hinausgefegt. Handtellergroße „Erkundungslöcher“ zu ebener Erde zeugen von der Untersuchung des Fußbodenaufbaus vor der Sanierung. Etwa in der Mitte des Bauwerks, in Schrittlänge vor einer Wand, sind robuste schmiedeeiserne Ösen im Boden verankert, die nicht minder robuste Metallringe umschließen – an ihnen leinte man vermutlich die Pferde an. An der Wand lehnt ein angestaubtes blauweißes Plastikschild mit der Aufschrift „Landgestüt Redefin – Deckstation Ganschow“.

Die hölzerne Balkenkonstruktion zwischen Decke und Boden – weißgetüncht, manche Hölzer wurmstichig, einzelne mit durchfeuchteten Stellen – steht noch. „Das Holztragwerk mit Ständern und Riegeln bleibt beim Umbau erhalten und behält seine tragende Funktion“, erläutert Fachberater Martens und weist auf eine kleinere, vor wenigen Jahren bereits „ertüchtigte“ Stelle in der Deckenverkleidung. „Wie hier erhalten die Deckenbalken eine neue Unterverkleidung, und eine Wärmedämmung wird eingebaut. Beschädigte Teilbereiche an den Balken werden ausgeschnitten und ersetzt.“

Dann nimmt er wieder den Grundriss zur Hand. Die bisher von vier einzel- und drei doppelflügeligen Toren unterbrochene Außenwand auf der Ostseite, zum Gutshaus hin, wird links und rechts des künftigen barrierefreien Haupteingangs geschlossen. Bodentiefe Fenster werden die Tore ersetzen, während die Torflügel samt der geschmiedeten Bänder und Beschläge aufgearbeitet als Fensterladen neue Verwendung finden. Sechs rollstuhlgerechte Arbeitsplätze werden vor den Fenstern eingerichtet, berichtet Martens. An der zur Nebel gerichteten Nordseite des Bauwerks wird der Konferenzraum einen Teil des Innern einnehmen, dazu Teeküche, Postfächer, Sanitäranlagen. Die verbleibende Teilfläche wird als separat über die Westseite zugängliches Lager dienen. Der Rest des Gebäudes nimmt Büros von 18 bis 30 Quadratmetern Größe mit zwei bis drei Arbeitsplätzen auf. Erreichbar sind sie über einen durchgehenden Flur – dreißig Meter von Nord nach Süd, gut fürs tägliche Schritte-Soll. Im Dachboden werden sich künftig außer dem Serverraum zwei Duschräume finden.

Am 1. Juli 2024 startet der Umbau mit den Dachdeckerarbeiten, lässt der Baufachberater wissen und umrundet den Klinkerbau von außen. Der obere Teil der Balken und der Ziegelausfachung auf der Nord- wie auf der Südseite wurden vor einigen Jahrzehnten instandgesetzt, Bodentür und Sprossenfenster machen einen intakten Eindruck. Doch wo der Dachüberstand an der Kante der Nord- zur Westseite endet, haben sich Wind und Wetter abgearbeitet und den Backsteinziegeln ihren Schliff verpasst. Manche sind fast auf die Hälfte ihrer ursprünglichen Dimension abgeschmirgelt, die darunterliegenden Backsteine verrutschten. Südseitig klafft eine kleine Lücke in einem vermauerten Türrahmen. Anstelle der fehlenden anderthalb Ziegel hat ein Witzbold den im Innern des Stalls zutage geförderten Kieferknochen eines Huftieres und ein mumifiziertes mutmaßliches Kaninchen in dieser temporären „Vitrine“ platziert.

Auf der Westseite des Pferdestalls stützt sich unter einem erblindeten Sprossenfenster ein sattgrüner Holunder ans ergraute Fachwerk. Im hohen Gras blühen gelb und rot Greiskraut und Mohn. Und wie eine Reminiszenz an die Vergangenheit, als auf dem Gülzower Gut neben Lupine, Ackerbohne, Raps und Kartoffeln ertragreiche Wintergerstensorten gezüchtet wurden, wogt dicht am Haus eine Fläche wildwachsender Gerstenhalme im Wind.
Wenn die Bauleute anrücken, wird dieser Anblick Geschichte sein…

 

Erstellt von Martina Plothe

 

Infobox

Denkmalpfleger schätzen die Bauzeit des Pferdestalls auf dem Gülzower Gutsensemble anhand der Fachwerkkonstruktion auf das Ende des 18. Jahrhunderts. Damit gehört der ehemalige Stall neben dem 1782 errichteten Gutshaus zu den ältesten Gebäuden des Ortes und der Gutsanlage. Unter Schutz gestellt wurde das Bauwerk im Zuge der systematischen Erfassung der Denkmale in Mecklenburg-Vorpommern durch das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Anfang der 1990er Jahre, wie von Haiko Hinterthan, Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises Rostock, zu erfahren ist. Mitte der 90er-Jahre wechselten die in den Denkmallisten verzeichneten Objekte in die Obhut der Landkreise.
Eigentümerin des Gebäudes und Bauherrin ist die Landgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern mbH. Bauplanung und Bauleitung obliegen der Hochbauabteilung der Landgesellschaft in enger Abstimmung mit der Unteren Denkmalbehörde des Landkreises Rostock. Der Umbau wird durch das Land Mecklenburg-Vorpommern über das Ministerium für Klimaschutz, Landwirtschaft, ländliche Räume und Umwelt unterstützt. Die Fertigstellung des Bürohauses ist für Ende 2025 geplant.

Zum sanierten Gutsensemble gehören dann neben dem Gutshaus Gülzow, das ab 1993 für die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V. (FNR) umgebaut wurde und seit 1995 deren Dienstsitz ist, auch der 2011 auf dem Gelände einer ehemaligen Kartoffelhalle in unmittelbarer Nachbarschaft zum Gutshaus errichtete Neubau der FNR. 2022 richtete die FNR im gleichfalls zum Gutsensemble gehörigen Holländer- bzw. Melkerhaus weitere Büroarbeitsplätze für ihre inzwischen ca. 150-köpfige Belegschaft ein. Die historischen Bezeichnungen der Bauwerke behält die FNR mit Wertschätzung für deren ursprüngliche Bestimmung bei.
 

 

 

Die Einfahrt zum Gutshof - hinter dem Pferdestall rechts die am 26.4.1987 abgebrannte Scheune. Foto: Quelle unbekannt
Die Einfahrt zum Gutshof - hinter dem Pferdestall rechts die am 26.4.1987 abgebrannte Scheune. Quelle: Chronik der Ortschaft Gülzow, Repro: Manfred Wischer
Mitarbeiter der Baufachinformation der FNR und ausgebildeter Architekt Daniel Martens erläutert den Grundriss. Foto: FNR/ M. Plothe
Architekt Daniel Martens aus der Baufachinformation der FNR erläutert den Grundriss. Foto: FNR/ M. Plothe
Verwitterte Holztore mit abblätternder petrolblauer Farbe und rostigen, kunstvollen Beschlägen. Foto: FNR/ D. Martens
Die hölzernen Tore mit ihren schmiedeeisernen Beschlägen werden aufgearbeitet und finden als Fensterläden Verwendung. Foto: FNR/ D. Martens
Vor Jahrzehnten nutzte die Außenstelle Ganschow des Landgestüts Redefin den Gülzower Pferdestall. Foto: FNR/ M. Plothe
Vor Jahrzehnten nutzte die Außenstelle Ganschow des Landgestüts Redefin den Gülzower Pferdestall. Foto: FNR/ M. Plothe
Am Übergang von der Nord- zur Westseite schliffen Wind und Wetter die Backsteinziegel ab. Foto: FNR/ M. Plothe
Am Übergang von der Nord- zur Westseite schliffen Wind und Wetter die Backsteinziegel ab. Foto: FNR/ M. Plothe
Mohn und Gerste im hohen Gras an der Westseite des Pferdestalls vor Baubeginn. Foto: FNR/ M. Plothe
Mohn und Gerste im hohen Gras an der Westseite des Pferdestalls vor Baubeginn. Foto: FNR/ M. Plothe